Das Menschenopfer und die keltischen Druiden

Menschenopfer gehören zweifelsohne zu den grausamsten menschlichen Handlungen der Geschichte. Und das Hinrichten von Menschen zur Huldigung,  Besänftigung oder für das Widerherstellen der Zuwendung von Wesen oder Kräften aus Parallelwelten ist besonders in der frühen Geschichte der Menschheit weit verbreitet.

Die den meisten geläufigen Berichte stammen wohl von Meso- und Südamerikanischen Völkern wie den Maya und Azteken. Auch gibt es auch zahlreiche Hinweise auf Menschenopfer in der frühzeitlichen Geschichte der semitischer Völker des vorderen Orients. Die Bibel gibt hier mit der angedachten Opferung Isaaks durch Abraham einen Einblick, wie selbstverständlich eine solche Handlung zu jeder Zeit war.  Aber auch im europäischen Raum waren Opferungsrituale insbesondere in der Bronze- und Eisenzeit weit verbreitet. Den Druiden der Kelten, als Wächter und Durchführende, kam dabei eine besondere Rolle zu.

Kult- und Opferplätze finden sich bei allen Kulturen de Welt

Was ist ein Menschenopfer im engeren Sinne?

Bei der Thematik Menschenopfer trifft man jedoch auf unterschiedliche Interpretationen. Die Grenze zu ritueller Blutrache, religiös begründetem Genozid, Tötung Angehöriger aus Armut, lebenden Leibeigenen als Grabbeigabe oder das Senden von Soldaten in aussichtslose Kämpfe verschwimmt in vielen Deutungen. Die hier im Weiteren verwendete Definition ist eine

absichtliche und geplante rituelle Handlung, zur Herstellung von Kontakt zu einer Götterwelt und Huldigung unsichtbarer magischer Kräfte

Mit dem Element des direkt beabsichtigten Kontakts kann besser auseinandergehalten werden, ob es sich nicht doch um Kriegsverbrechen oder Abschreckungsstrafen oder tatsächlich um ein götterbezogenes Menschenopfer handelt.

Insbesondere die Menschenopfer der Mayas sind heutzutage bekannt. Über die Freiwilligkeit der Opfer lässt sich oft nur spekulieren

Oft passt der Begriff Opfer aber nicht wirklich. Streng genommen muss es sich bei einem Opfer um eine freiwillige Handlung einer Person handeln, die etwas aufgibt – beim Menschenopfer somit das Leben. Viele Archäologen und Anthropologen sahen seither den Begriff zu Recht skeptisch:

Das Menschenopfer ist nur bedingt ein Opfer im eigentlichen Sinne, das heißt, sein Wesen ist in der Regel weder eine Gabe noch eine Geste.

Crawley, Alfred Ernest : Art. Human Sacrifice (Introductory and Primitive).ERE VI (1913) 840α-845α

Dies gilt insbesondere, da man die archäologischen Funde, vor allem Moorleichen, nachträglich schwerlich nach Ihrer Einwilligung befragen kann. Der Unterschied zwischen sich-opfern und als Objekt geopfert werden kann meistens nicht nachvollzogen werden.


Das Problem mit den Quellen zu den keltischen Menschenopfern

Die Kaiser Tiberius und Claudius erließen Dekrete, gegen die grausamen keltischen Rituale

Wer berichtet von Menschenopfern bei den Kelten?

Wie die meisten schriftlichen Quellen über die Kelten stammen auch die berichte über die Menschenopfer zunächst aus römischen Quellen. Laut Geschichtsschreiber Gaius Suetonius Tranquillus (zu deutsch meist Sueton, 70-122 n.Chr.) verbot Kaiser Claudius im ersten Jahrhundert n. Chr.  die grausamen und barbarischen Gebräuche der Druiden vollkommen. Gemeint sind hiermit vor allem die Praktiken, wie sie bereits in Julius Caesars berühmten Schrift De Bello Gallico (Über den Gallischen Krieg) erwähnt werden. Hiernach führten die Kelten Kelten Menschenopfer insbesondere in Zeiten großer Not durch. Caesar beschreibt beispielsweise, wie sie riesige hölzerne Statuen füllten und lebende Menschen darin verbrannten.

Ähnlich wie Claudius versuchte auch Tiberius druidische Kulte zu unterdrücken – und zu diskreditieren. Dies scheint wenig verwunderlich, war doch die Druidenkaste, wie auch die Inelligenzia anderer Völker, ein Hort für lokalen nationalistisch-separatistische Strömungen.

Das Problem der Quellenlage

Genau diese der römischen Obrigkeit gefährliche Agenda macht die Einschätzung von Menschenopfern mithilfe von römischen Quellen – also ihre Häufigkeit, ihren Ablauf, ihre Freiwilligkeit – so schwierig zu beurteilen. Während Buch 6 aus Cäsars de Bello Gallico noch als eine nüchterne Beschreibung der Kelten gelten kann (Ceasar selbst lebte rund 10 Jahre in Gallien), schreiben andere Autoren fast propagandistisch negativ über die oft zu Staatsfeinden erklärten Barbaren. Höhepunkt dieser im Grunde politischen Spannung bildete die Zerstörung der druidischen Heiligtümer auf der Insel Anglesey im Jahre 61 n.Chr. durch die Römer unter Kaiser Nero.

 

 

 

Das Massaker der Druiden (1838) von J Rogers zeigt den Tiefpunkt Druidisch-Römischer Beziehungen. Es thematisiert den historischen Angriff auf Anglesey im Jahre 61 n.Chr.

 


Häufig wurde der Vorwurf des Menschenopfers gegen Andersartige erhoben und traf sogar das frühe Christentum

Das Menschenopfer als Kampfbegriff

Der Vorwurf der Menschenopfer wurde dabei im alten Rom mit einer höheren Brisanz gehandelt, als es der Fall in Modernen Gesellschaften ist. Menschenopfer waren durch das römische Gesetz ausdrücklich und streng verboten. Sollte jemand ein solches also durchführen wollen,  musste dies zwangläufig heimlich vollziehen. Die Erfahrungen und Berichte, dass tatsächlich im römischen Reich im geheimen solche Praktiken vorkamen, schürten somit Fremdenfeindlichkeit gegen Gesellschaften, die in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit im Verborgenen lebten.

Der implizite Vorwurf lautete dabei, dass - unter manchen anderen Abartigkeiten - diese Gruppen doch sicherlich auch eine solche Sitte zu verbergen hätten. Dies betraf im Übrigen nicht nur die im Reich lebenden fremden Völker, sondern auch Sekten wie das Christentum, denen regelmäßig vorgeworfen wurde, auf ihren geheimen Treffen Kinder zu opfern.

 

Menschenopfer in der alt-irischen Literatur

Opferpraktiken, in die auch Menschen einbezogen wurden, sind auch in der alt-irischen keltischen Literatur zu finden. Oft handelt es sich allerdings nur um Fragmente von über Jahrhunderten übertragenen Mythen und Legenden. Die wohl bekannteste ist vor diesem Hintergrund die "Táin Bó Cúailnge", auch bekannt als "Der Rinderraub von Cooley", einem der bedeutendsten Werke der irischen Mythologie.

Während des Konflikts um den Besitz des Stiers Donn Cuailnge entscheidet sich Medb, die Götter um Unterstützung zu bitten. In ihrer Verzweiflung erklärt sie, dass sie ihren eigenen Sohn Tinni Mac Conri opfern würde, um die Gunst der Götter zu erlangen. Diese Äußerung könnte als Anspielung auf die Bereitschaft zur Durchführung eines Menschenopfers interpretiert werden, ähnlich wie in der biblischen Geschichte Abrahams aber auch nur die vollendete Ergebenheit gegenüber den Gottheiten repräsentieren.

 

 

Die Táin Bó Cúailnge ist eines der Hauptwerke irischer Legenden

Der irische Held Cú Chulainn in der Schlacht

Viele Interpretationen des keltisch-irischen Kanons sind nicht eindeutig

Ein weiteres Werk, in dem Menschenopfer in der irischen Mythologie angedeutet wird, ist das "Lebor Gabála Érenn" oder "Das Buch der Eroberung Irlands". Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Mythen und genealogischen Erzählungen, die die Besiedlung Irlands beschreiben. In einigen Teilen dieses Werks werden rituelle Handlungen und Opfergaben erwähnt, aber die genauen Details sind allerdings vage bis metaphorisch.

In der "Cath Maige Tuired" , auch bekannt als "Die Schlacht von Magh Tuireadh" wird die Geschichte der Tuatha Dé Danann erzählt und ihre Kämpfe um die Vorherrschaft in Irland. Es gibt Szenen, in denen Opfergaben an die Götter gemacht werden, aber spezifische Menschenopfer sind nicht immer eindeutig beschrieben. Die die Interpretation aller dieser Texte somit umstritten: Manche Forscher argumentieren, dass einige Beschreibungen von Opferritualen metaphorisch oder symbolisch sein könnten, während andere darauf hinweisen, dass Menschenopfer in gewissen Kontexten tatsächlich praktiziert wurden.

Die Hintergründe von keltischen Menschenopfern waren verschieden



Die schwierige Quellenlage lässt oft nur Spekulationen zu, insbesondere in Bezug auf die Häufigkeit ritueller Menschenopfer. Lässt man sich auf die mageren Quellen ein, können grob die Arten in Opferung im Krieg, Opfern als zyklisches Ritual und Opfern als Strafe ausgemacht werden - diese Arten verschwimmen jedoch oft. Die römische Geschichtsschreibung nennt insbesondere drei Gottheiten, die regelmäßige Menschenopfer forderten, wobei jeder Gottheit eine bevorzugte Todesform zugeschreiben wurde:

  • Verbrennen für Taranis, Gott des Himmels, des Wetters und des Donners
  • Erstechen und verblutend am Baum aufgehängt für Esus, Gott des Handels und der Wege
  • Ertränken für Teutatis, den väterlichen Führer in Krieg und Frieden

Wer wurde geopfert?

Je nach Kontext konnten sich Mitglieder aus hochrangigen Familien oder Kampftruppen zur Verfügung stellen, Gefangene und Kriegsgefangene wurden jedoch auch herangezogen. Dabei wurde kein Unterschied zwischen Alter und Geschlecht gemacht, sowohl Kinder als auch Frauen konnten rituell ermordet werden.

Frühjahrsrituale waren oft mit Opfergaben verbunden

Die Besänftigung von Göttern kann als eine allgemeine Aufgabe der Druiden gesehen werden, die in wiederkehrenden Zyklen solche Rituale durchführten und überwachten. Als ein eingängiges Beispiel kann hier das Verbrennen genommen werden. Mehrere Quellen berichten von großen Weidenfiguren, in die Gaben, Tiere und Menschen gesperrt und verbrannt wurden.

Das Verbrennen von Strohpuppen zu Frühjahrsanfang war noch bis in das 20. Jahrhundert praktiziert und auch zeitgenössische Osterfeuer können aus dieser Zeit hergeleitet werden. Die Kombination scheint wahrscheinlich, da so vor Aussaht und Erntezeit dem Gott des Himmels und Wetters gehuldigt wurde.

Die Todesstrafe wurde meist im religiösen Rahmen vollzogen

In dem Glauben, dass Fehlverhalten den Göttern missfällt, kam es zur Opferung von Menschen, die sich eines Vergehens schuldig gemacht hatten. Auch wenn diese Form in einen religiösen Rahmen gelegt wurde, kann hier eher von einer Todesstrafe gesprochen werden. Caeser unterstellt eine gewisse Regelmäßigkeit von Tötungen im religiösen Rahmen, die aber auch ohne Verurteilte ihren Lauf nehmen muss:

Sie glauben zwar, dass die Tötung von Menschen, die bei Diebstahl, Raub oder anderen Verbrechen gefasst wurden, den Göttern angenehmbar ist; wenn es ihnen jedoch an solchen fehlt, gehen sie auch dazu über Unschuldige zu opfern 

(De Bello Gallico, 6, 16)

Der griechische Geschichtsschreiber Diodor hingegen spricht von Gefangenen, die mehr als fünf Jahre im Kerker verbringen, bis sie letztendlich den Göttern geopfert werden. Dies zeigt, dass Menschenopfer je nach Kultur, Region, Zeit und Kontext stark variieren konnten. Sicher scheint nur, dass Sterben selbst - und  das Töten eines Menschen als ein mit den Göttern verbundener Akt gesehen wurde.

Menschenopfer im Weidenkorbmann gelten in den Narrativen der Römer als Symbol keltischer Unmenschlichkeit

Taranis kontrollierte das Wetter - die größte Abhängigkeit der Menschen

Rituale zur Weissagung waren darauf angelegt lange zu dauern

Rituale zur Weissagung waren darauf angelegt lange zu dauern

Opfern in Zeiten der Ungewissheit: Die Weissagung

Vermehrt wird in den Quellen von Opfern zur Vorhersehen der Zukunft berichtet. Durch Beobachtung und Interpretation von Zeichen, die das Opfer von sich gibt und die für Botschaften aus der Geisterwelt gehalten werden, versuchten die Priester Szenarien und Handlungsmöglichkeiten der Zukunft zu deuten.

Eine solche Tötung solle dementsprechend lang genug dauern, um die Zeichen richtig zu deuten. Strangulieren, Ausbluten lassen und Ertränken waren dementsprechend Vorgehen, die sich angeboten haben.  Diodor berichtet hier von wichtigen Beratungen unter Druiden und der politischen Elite, bei der ein Opfer zunächst geweiht und dann erstochen wird. Aus der Art des Falles, dem Zucken der Glieder sowie dem Laufe des Blutes sollte so die Zukunft vorhergesehen werden (Diodon, Historische Bibliothek, 5,31)

Opferung im und nach dem Krieg

Da Hinrichtungen allgemein im religiösen Kontext stattfanden, galt dies auch für Kreigsgefangene. Hier von einem Menschenopfer zu sprechen wäre jedoch irreführend, da es sich mehr um Todesvollstreckungen aus Kampfhandlungen handelte, die politischer Natur waren. Diese Vollstreckungen konnten grausam sein, wie ein Fund aus St. Albans aus dem Jahre 1955 belegt. Ein junger Mann wurde hier im 2. Jhd. n. Chr. gepfählt, erschlagen, enthauptet und gehäutet. Fehlende Verwitterungsspuren lassen darauf schließen, dass die Handlung in einem geschlossenen Raum durchgeführt wurde, eventuell der angrenzende Tempel. Es lässt sich jedoch nicht herleiten, dass die Götter der damaligen Zeit stets eine solche Prozedur verlangten, oder ob die Abstumpfung der Menschen durch Krieg treibende Kraft war.

Das Töten von Kreigsgefangenen war in Bronze- und Eisenzeit weit verbreitet

Das Töten von Kriegsgefangenen war in Bronze- und Eisenzeit weit verbreitet

Der Lindow-Mann wurde wahrscheinliche geopfert um die Niederlage gegen die Römer abzuwenden

Eine andere Form der Opferung im Krieg sollte die Gunst der Götter erkaufen. Die wohl bekannteste Opferung dieser Art  stammt aus der Zeit der oben erwähnten Auseinandersetzungen mit den Römern um Anglesey: Im 1. Jhd. n. Chr.  wurde ein junger Mann rituell stranguliert und entkleidet in das Lindow-Moor geworfen, höchstwahrscheinlich um die bevorstehende Niederlage abzuwenden. Die Leiche wurde 1984 im Nordwesten Englands ausgehoben.

Abgrenzung zur germanischen und nordischen Mythologie

 

Tacitus spricht von Menschenopfern, die zur Feierlichkeit des Errichtung des germanischen Stammes der Sueben durchgeführt wurden, bei der Menschen zerstückelt wurden. In verschiedenen Interpretaionen wurde dies in der Literatur auf den Schöpfungsmythos rund um Ymir zurückgeführt:

Ymir warein Eisriese und das erste lebende Geschöpf des Universums. Die Götter Odin, Vili und Ve töten und zerstückelten den Riesen und erschufen aus seinen Körperteilen die Welt: aus dem Blut das Meer, aus dem Fleisch das Land und aus den Knochen die Berge. Das Menschenopfer durch Zerstückelung könnte also eine Huldigung an diesen Mythos dargestellt haben. Da die Kelten jedoch andere Schöpfungsmythen kannten, ist die Opferung durch Zerstückelung in diesem Kulturkreis unwahrscheinlich.

Der Eisriese Ymir der nordischen Mythologie

Anders als bei den Germanen war den Kelten die Sage von Ymir nicht bekannt